Immer schneller

Ein Aufsatz im Zusammenhang mit dem gleichnamigen Wettbewerb der Suchtpräventionsstelle Zürich. Leider wurde er nicht prämiert; wahrscheinlich hat ihn die Jury nicht verstanden ;-)

Saeliah schaute sich die Welt genau an. Schliesslich hatte sie Möglichkeiten, die den Individuen, die darauf wohnten und sich ?Menschen" nannten, nicht zustanden. Den armen Menschen! Die Erde drehte sich in ihrer knapp 4,2 Milliarden Jahre dauernden Geschichte zwar stetig langsamer, und der Mond musste sich schlussendlich einem 28-Tage-Zyklus (Tendenz steigend) unterwerfen, nur weil er es sich bei seiner Entstehung nicht verkneifen konnte, asymmetrisch zu erstarren. Trotzdem hatte Saeliah das Gefühl, dass die Menschen glaubten, zu wenig Zeit zu haben. Vor allem auf der nördlichen Hemisphäre. Während Jahrmilliarden hielt sich Saeliah in der Nähe des, erst viel später, blaugrünen Planeten auf und entzückte sich ob den drolligen Tierchen, den raffinierten Pflanzen, oder einfach nur an den schönen Formationen von Fels und Berg und Lavafontänen. Sie erinnerte sich an den Anfang, als sie geduldig 2 Milliarden Jahre lang in der Ursuppe rumrührte. Nachdem diese soweit abgekühlt war, dass sie sich die Finger nicht mehr verbrühte, sah sie mit Verzückung, dass sich endlich, endlich ein paar Moleküle dazu bequemten, sich so aneinanderzureihen, dass sie sich selbst zu kopieren vermochten. Nach weiteren zwei Milliarden Jahren sah sie endlich erstmals so etwas wie Makakenäffchen, wie sie auf ihren Bäumen rumkletterten, schrieen, zankten und sich liebten. Sie fand besonderen Gefallen an diesen Geschöpfen, denn obwohl pelzig und nicht gerade schön, wenn man sie mit den Vögeln oder Raubkatzen verglich, waren sie aber dennoch irgendwie clever. Saeliah konnte genau beobachten, wie die Äffchen sich das Essen stibizten, oder wie zwei zusammenspannten, wobei der eine einen Dritten ablenkte und so dem Zweiten die Möglichkeit gab, sich die Schlemmereien des Dritten anzueignen. Viele Millionen Jahre später zog sich der Urwald zurück und die Affen kamen mehr und mehr am Boden an. Dort waren sie ja schon einmal, als sie aus den Ozeanen gekrochen, nur waren sie damals noch keine Affen, sondern Fische, die Luft atmen wollten. Sie waren jetzt ein sehr aufgewecktes Völkchen und probierten alles aus, was sie nur mochten.

Eines Tages entdeckte ein alter Affe etwas, das seine Aufmerksamkeit unheimlich erregte. Es war ein ovales Objekt, ganz in beige, das oben auf einem dünnen Stielchen thronte und betörend in der Abendsonne schimmerte. Es wuchs aus einem Häufchen, das nach der gleichen Substanz roch, die der Affe selbst jeden Tag irgendwo hinter einem Gebüsch deponierte. Er konnte einfach nicht widerstehen und zog so ein Objekt aus dem Dung und roch daran. Zu seinem Erstaunen roch es ziemlich intensiv, aber ganz anders als das Häufchen, auf dem es gewachsen war. Er ass es... Nach einer Weile wurde ihm schwindelig und er musste sich hinsetzen. Er wartete einfach ab, was passierte, und obwohl ihm immer noch alles im Kopf drehte, behielt er die Augen offen. Urplötzlich, wie aus dem Nichts, erschien ihm Saeliah, das Lichtwesen. „Ich bin Saeliah, das Lichtwesen, und du bist der erste Affe der es wagt, von dieser Frucht der Erkenntnis zu essen. Ich führe dich jetzt an einen Ort, von wo aus du deine Welt sehen kannst, wie sie ist, und du wirst es niemals vergessen. Komm!". Mit diesem Wort fühlte sich der arme alte Affe in die Lüfte emporgehoben und sogar noch über diese hinweg. Es wurde stockdunkel, und er konnte Sterne sehen. Plötzlich wusste er, dass das Sterne sind, und unter ihm glimmte eine blaugrüne, riesige Kugel, und er wusste, das war der Ort, auf dem er lebte, woher er kam. „So" hörte er Saeliah sagen,"das ist genug für heute, armer kleiner Affe. Geh jetzt zurück zu deiner Sippe und vergesse niemals, was du gesehen hast."

Als der Affe aufwachte, war es schon Morgen und die Morgensonne blendete ihn fürchterlich. Schwammig erinnerte er sich an das Erlebte. Aber plötzlich zündete es in seinem Hirn, er wusste, dass er war, und dass er auf dieser grossen Kugel zuhause war. Er musste das unbedingt den anderen zeigen, aber die konnten ihn ja nicht verstehen, weil sie nicht gesehen, was er geschaut. Er grübelte und grübelte, und dann kam ihm dieser betörende kleine Pilz wieder in den Sinn. „Natürlich! Ich muss den anderen auch von diesem Wunder zum Essen geben!" Er ging zu seiner Sippe und fütterte einen nach dem anderen mit den Pilzen. Saeliah war verblüfft. Zuerst passierte vier Milliarden Jahre nichts besonderes, und auf einmal erschienen Horden von Affen im Orbit und wollten sich die Erde von oben ansehen. „Immerhin, das ist doch ein Anfang..." dachte sie für sich. Die Affen fanden die Sache so toll und umwerfend, dass sie nicht mehr aufhören konnten, von den Pilzen zu essen. Sie fanden noch mehr als vorher alles spannend und lustig, aber es war noch etwas dazugekommen. Vorher hatten sie Angst vor Wind und Blitz und Donner und vor allem... dem Feuer! Aber jetzt fanden sie dies so ulklustig, dass sie die Einschlagstellen der Blitze regelrecht aufsuchten, um rumliegende Äste in das bereits lodernde Feuer zu schmeissen und unter ohrenbetäubendem Gekreische darum herum zu hüpfen. Es war eine Gaudi sondergleichen, und Saeliah lächelte sanft. Das Glück in Form von Endorphin (das bisher eigentlich als Belohnungschemismus beim Paaren diente) schien unerschöpflich. Das Adrenalin, früher als Notfallchemie in Angstsituationen gedacht, um sehr schnell sehr viel Energie für die Flucht oder den Kampf bereitzustellen, wurde umfunktioniert in ein omnipräsentes Allmachtsgefühl. Das alles brannte sich irreversibel in ihr Affenerbgut hinein. Dieser Mechanismus erweiterte die DNA um mal wenige Promille, und obwohl sie es gut meinte damit, die DNA, wusste sie natürlich nicht, dass sie damit der Welt nicht wirklich einen Dienst erwies.

Das ging viele Tausend Jahre so weiter, und die Affen wurden Meister im Beherrschen des Feuers. Aber es sollte ja nicht nur beim Vergnügen bleiben. Sie merkten bald, dass die Wärme, die das Feuer von sich gab, praktisch wäre, wenn sie es nur mit in ihre Höhlen hätten nehmen könnten. Viele verschmorten sich ihren Pelz beim Versuch, das Feuer zu transportieren, und irgend ein Uraffe brachte dieses Kunststück dann tatsächlich, nach weiteren Tausenden Jahren, zustande. Während sich die feuerbeherrschenden Affen über die Welt auszubreiten begannen, vermehrten sie sich wie die Karnickel. Sie konnten jetzt in den Norden wohnen gehen, wo es kälter war, sich die Höhlen heizen und später in geheizten Holzhäusern hausen. Sie fingen an, Fleisch zu verbrennen, bevor sie es assen und banden sich tote Tierpelze um ihre Hüften. Nach nochmals vielen Tausend Jahren dann, die Affen hielten sich inzwischen für überklug, da entdeckte ein besonders Schlauer, dass der Rauch des Feuers mehr Platz beanspruchte als das Holz, das verbrannt wurde. Tja, und in einem Anfall von Brachialgewalt sperrte er das Feuer in eine kleine Kammer und liess es explodieren. Zusammen mit der Erfindung des Rades war der Spass komplett. Inzwischen war ihr Schwanz, der sie beim aufrecht Gehen nur hinderte, genetisch wegrationalisiert. Das hatte auch noch den Vorteil, dass sie bei der Verwendung eines Stuhls sich nicht andauernd auf ihn hockten und ihn womöglich noch knickten, was sehr schmerzhaft gewesen wäre. Jetzt hatten sie Zeit zum Denken. Es gab besonders Gewiefte, die wussten, wie sie andere zu ihren eigenen Zwecken einspannen konnten. Und da die Affen inzwischen reden konnten, war es plötzlich nicht mehr nur eine Frage der körperlichen Kraft und Geschicklichkeit, wer sich durchsetzte, sondern wer gemeiner und schlauer reden konnte. Es erhoben sich grosse Kulturen mit Tempeln, Pyramiden und sonstigen Wahnsinnsbauten, die ganz viele kleine Äffchen bauen mussten und entweder dabei eingingen oder nach getaner Arbeit geopfert wurden, die Ärmsten! Saeliah war einigermassen entsetzt, was sich in diesen paar Tausend Jahren verändert hatte. Aber zum Glück gingen diese Kulturen alle an ihrem eigenen Grössenwahn zugrunde, was Saeliah wieder milder stimmte.

Aber dann rauften sich die nördlichen Affen nochmals zusammen und schufen eine Ultrawahnsinnserfindung, die sie „Globale Wirtschaft" nannten. Diese Wirtschaft musste wachsen, sonst funktionierte sie nicht. So wurde es gelehrt und gelebt. Inzwischen gab es nur noch wenige Affen, die immer noch dem Gaudi mit den Pilzen anhingen, aber das waren nur ein paar unbedeutende Psychopathen, die nicht in das Weltbild passten, das die Oberaffen nun aufgestellt und als Weltdoktrin ausgerufen hatten. Denn die Oberaffen hatten jetzt etwas viel Besseres, mit dem sie die Unteraffen bestens kontrollieren konnten. Denn sie wussten ganz genau, dass tief in jedem Affen immer noch der Wunsch da war, das Feuer zu beherrschen. Und das Feuer gaben sie den Unteraffen sogar auf mehreren Ebenen, so schlau waren die! Zum Ersten mussten die Häuser immer noch geheizt werden, das wurde mit einer raffinierten Öl- und Gas-Wirtschaft erledigt. Gab es kein Feuer, gab es Protest! Zum Zweiten war das Feuer in einer Blechkiste untergebracht, die sogar rollen konnte. Jeder durfte mit seinem kleinen Feuer Zünder (KFZ) in diesem Ding, das sie Auto nannten, umherfahren. „Clevererweise" basierte dieses Feuer auch auf der gleichen Öl- und Gaswirtschaft... Und wehe, nahm man es ihnen weg, gab es Protest! Inzwischen mussten die Affen nicht mehr Jagen gehen, und die vielen Feuer hatten ein wenig von ihrer Magie verloren (man sah sie ja auch nicht mehr direkt!). Ihr Hirn aber war immer noch wach und wollte unterhalten werden. Die Adrenalinkicks holten sie sich auf der Strasse, indem sie mit den Verpackungen ihrer KFZ's prahlten und sich gegenseitig niedermachten, mit Vorliebe diejenigen, die sich zwar auch fortbewegten, aber kein KFZ unter dem Arsch hatten. Das waren die absoluten Looser. Oder sie liessen sich an Gummiseilen in Schluchten stürzen oder verbrachten ihre „Frei-Zeit" mit anderen aufregenden Betätigungen, um die drohende Langeweile erst gar nicht aufkommen zu lassen. Befriedigend war das alles jedoch nicht.

Die Wirtschaft mit ihrer geballten Ladung an Intelligenz brachte allerdings noch ein ganz anderes Wunder hervor: Ein kleines Ding, das die gesamte Aufmerksamkeit der Unteraffen auf sich zog. Und das innerhalb nur 2 Jahren! Saeliah war sprachlos, als sie sich das Verhältnis von 4,2 Milliarden Jahren und diesen lächerlichen 2 Jahren vorzustellen versuchte. Und Saeliah war gut in Dinge vorstellen! Nach nur 2 Jahren also starrte jeder Unteraffe entweder auf dieses Ding oder hielt es sich an den Kopf, in einer Ergebenheit, die von blinder Kopflosigkeit zeugte. Oft schrieen sie dann unverhofft und mitten in einer eigentlich unbeteiligten Unteraffenmenge in diese Dinger, aber das kümmerte keinen, denn jeder durfte mal schreien und die anderen unterhalten. Die Sätze, die sie oft in dieses Ding hineinschrieen, wurden aber schnell immer kürzer, da es ja offensichtlich im krassen Gegensatz dazu stand im Verhältnis, wie viele Unbeteiligte diese Sätze ungewollt mithören mussten. Sie hielten diese Dinger in ihren Pfötchen und tippten mit ihren kleinen Fingerchen wie besessen auf winzigen Tasten herum. Einige verliebten sich sogar in sie, und sie hätten lieber sterben wollen, als diese wieder hergeben zu müssen. Viele Kinder nahmen sie sogar noch mit ins Bett und kuschelten sich an sie. Manchmal passierte es, dass ein Unteraffe, der gerade gedankenverloren, aber doch konzentriert auf sein Ding schaute, nicht bemerkte, dass er von einer fahrenden Blechkiste, eben einem KFZ, glatt überfahren wurde. Aber das war nicht weiter tragisch, es gab ja genug Nachschub. Und sie waren inzwischen schlicht und weg uninteressant geworden, einfach nur noch langweilig. Aber dafür beschäftigt, und das war die Hauptsache. Dieses DING, das sie Händi nannten, war der absolute Hammer! Amen.

Für Saeliah, das Lichtwesen, wurde es inzwischen ungemütlich im Orbit, denn andauernd musste sie aufpassen, nicht mit einem dieser zu tausenden anwesenden Metallinsekten zu kollidieren. Diese strahlten Wellen Richtung Erde, und von der Erde kamen schwache Strahlen zurück und verloren sich im Weltraum, falls sie nicht gerade das Glück hatten, 8 Minuten später in der Sonne baden zu gehen. Auf jeden Fall fand es Saeliah langsam nicht mehr so toll über der Erde. Und inzwischen kam sie kaum mehr nach, all die neuen technischen Zauberdinge zu beobachten, die die Oberaffen unters Volk streuten um es immer mehr und noch mehr in ihren Bann zu ziehen. „Ja also" dachte sie für sich „wenn ICH da schon meine Mühe habe, mitzukommen, wie muss das denn für so ein kleines Affenhirnchen sein?!" Und ihre Frage war nicht unberechtigt. Genauso wie die Erde endlich in ihrer Grösse ist und somit das Dogma der immer grösseren Wirtschaft schon allein der Ressourcen wegen nicht auf ewig erfüllt werden kann, genauso ist das kleine Affenhirn auch endlich und die Anforderungen, die ja eigentlich überwiegend von ablenkender Natur sind, aber dies hier nur am Rande, können nicht beliebig raufgeschraubt werden. „Tja", dachte sich Saeliah,"wieder eine Affenzivilisation, die es nicht gecheckt hat". Sie machte schnell ihre Augen zu, als ein Elektromagnetischer Puls, ausgelöst von einem Terroristen, die Atmosphäre durchzuckte und die ganze Affenzivilisation innert einer einzigen Sekunde in den Stillstand manövrierte.

Saeliah seufzte und sah mit einem wehmütigen und einem „Na ja"-Auge auf die Erde hinab und dachte für sich: „Na, dann versuche ich es eben mal mit den Bären...Vielleicht sind die dankbarer, wenn ich ihnen die Frucht der Erkenntnis zu essen gebe..."

Michael Leopold, Zürich, 02.02.2002

Hier habe ich ein paar Archivbilder eines besonders mächtigen Oberaffen gefunden. Zum Vergleich steht neben jedem Bild noch das eines Schimpansen, dessen Gene sich um sagenhafte 1,2% unterscheiden:

Die obigen Bilder zeigen die überragende Übereinstimmung sowohl des Aussehens wie auch des Verhaltens der beiden Spezies. Das Bild links jedoch ist der ausschlaggebende Beweis, dass es einen genetischen Unterschied gibt: Es gibt keinen einzigen Schimpansen, der einen so bekloppten Gesichtsausdruck fertigbringt...